Canyon – B 431

Deckel oder Platzgewinnung durch Fahrbahnreduzierung?

Angespornt durch die Entwicklung um den A7 Deckel fordern immer mehr Rissenerinnen und Rissener einen Deckel über den sog. “Canyon”. Inzwischen haben sich Stadtplaner der Überlegung genähert, was viele Ideen darüber ergeben hat, wie die neu gewonnene Fläche für den Stadtteil gut genutzt werden kann.

Wir möchten mit Ihnen über das “ob” und “wie” eines Deckels, die mögliche Nutzung gewonnener Flächen für den Stadtteil debattieren, aber auch über andere Varianten, wie zum Beispiel eine bloße Fahrbahnreduzierung im Canyon, die allein schon erheblichen Flächenzugewinn erbrächte, ohne dass hohe Kosten durch einen Deckel entstünden, die ja auch finanziert werden müssten.

Entwicklung:

Hamburg verändert sich. Wie in vielen anderen Großstädten der Welt setzt sich auch in Hamburg langsam die Erkenntnis durch, dass die Grenzen der individuellen Mobilität mit dem PKW erreicht sind. Diese Grenzen können nicht durch noch mehr Straßen verschoben werden. Mehr Fahrspuren bedeutet nicht, dass der Verkehr besser fließt, es führt nur dazu, dass sich Staus breiter aufstellen. Der vorhandene Raum, den die automobile Mobilität in Anspruch nimmt, muss hinterfragt und zum Teil für Neues verwendet werden. Das aktuelle Beispiel ist hier der Berner Heerweg, der von vier auf zwei Spuren zurück gebaut werden soll. Hier wird die gewonnene Verkehrsfläche für den Fahrradverkehr genutzt. Auch andere Verkehrsflächen werden entsprechend neu bewertet und gegebenenfalls einer neuen Nutzung zugeführt. So wird der Bahnhof Altona verlegt, um die riesigen Flächen des alten Bahnhofs mit seinen Gleisanlagen für eine Wohnbebauung freizumachen und so die neue Mitte Altona zu ermöglichen. Dies alles zeigt, dass sich ein neues Denken durchsetzt und alte, falsche oder überholte Infrastrukturmaßnahmen in Frage gestellt werden dürfen und müssen.

Hier in Rissen haben wir eine solche, inzwischen von der Realität überholte, alte, falsche Infrastrukturmaßnahme, den sogenannten Rissener Canyon.

Zur Lage in Rissen:

Der Canyon zerschneidet Rissen in eine Nord- und Südhälfte, die zwar über mehrere Brücken gut verbunden sind, jedoch besteht keine einheitliche Stadtteilstruktur mehr. Auch der enorme Flächenbedarf verhindert eine sinnvolle Weiterentwicklung Rissens.

Die Straße Am Rissener Bahnhof und der Grete Nevermann Weg sind aufgrund der einseitigen Bebauung wenig attraktiv und erweitern den Canyon im Grunde um zwei weitere Fahrspuren. Der Canyon wurde in den 70-iger Jahren geplant und als ein Teilstück einer vierspurigen Ausfallstraße bis nach Wedel hinein gedacht. Diese Planungen sind überholt. So ist eine vierspurige Weiterführung in der hinteren Wedeler Landstraße nicht mehr möglich, und auch eine sinnvolle Abführung des Verkehrs durch Wedel ist nicht ersichtlich. Es gibt keinerlei Planungen und auch in den langfristigen Bundesverkehrswegeplanungen wird der Weiterbau dieses Stummels nicht erwähnt.

Wenn nicht Deckel, dann aber vielleicht zumindest Platzgewinn durch Fahrbahnreduktion:

Es darf hinterfragt werden, ob eine Tempo 80 Rennstrecke durch ein Wohngebiet sinnvoll und notwendig ist. Schaut man genauer auf den Verkehr im Canyon, so stellt man fest, dass der Verkehr in Richtung Wedel spätestens ab der Querung  Klövensteenweg einspurig ist, die andere Spur für die Abbieger nach Rissen wird wenig genutzt. Eine einspurige Verkehrsführung ab der Ampel Sülldorfer Brooksweg würde nur eine geringfügige Verringerung des Verkehrsflusses bewirken, die dann bei einer angemessenen Geschwindigkeit nicht ins Gewicht fällt. In der anderen Richtung ist das Bild vergleichbar: Wo die Einspurigkeit der hinteren Wedeler Landstraße endet, ist für den Verkehrsfluss relativ gleichgültig. Wird der Verkehr nun einspurig in und durch den Canyon geführt, dann ergibt sich die Möglichkeit am Sülldorfer Brooksweg, die Rechtsabbieger aus Rissen ständig und ampelfrei auf die Sülldorfer Landstraße abbiegen zu lassen. Ein in jeder Richtung einspuriger Canyon bringt keine gravierenden Nachteile. Rissen – und damit Hamburg – hätte aber für die Entwicklung des Stadtteils enorme Möglichkeiten. Das Ganze lässt sich mit relativ geringen finanziellen Mitteln erreichen, der bauliche Aufwand für eine Umgestaltung des Canyons ist begrenzt. Groß gedacht könnte die Kreuzung am Sandmoorweg zusammen mit der Einmündung zu einem modernen Kreisverkehr umgestaltet werden, sodass zwei Ampeln wegfielen.

Wie könnte es weiter gehen, Entwicklungsmöglichkeiten für Rissen?

Das freiwerdende und tiefliegende Grundstück ist ideal geeignet, Probleme Rissens zu lösen und das Zentrum von Rissen zu stärken. So bietet sich beispielsweise im tief liegendem Bereich (in der Karte schraffiert dargestellt) eine Tiefgarage für Einkaufende in Rissen an. Darüber ist eine geeignete Fläche für ein Fahrradparkhaus für die S-Bahnpendler möglich. Es fehlen gute und geschützte Stellplätze für Fahrräder und mit einem soliden Angebot wird die Kombination Rad-S Bahn als Alternative zum Auto sicherlich attraktiver. Auf Höhe der Straße „Rissener Bahnhof“ sind Ladenlokale möglich, darüber – entsprechend der gegenüberliegenden Bebauung – Wohnungen. An der Ecke Gudrunstraße ist ein kleiner Busbahnhof und vielleicht ein neuer, verbindender Markt- und Veranstaltungsplatz denkbar. (Dies hätte den Vorteil, dass der Stadtteilbus dann durch die Wedeler Landstraße zu dem Endpunkt Gudrunstraße fahren könnte und sich nicht mehr durch die Privatstraße hinter Edeka quälen müsste.) Ein solches Gebäudeensemble könnte sich entlang des „Grete Nevermann Weges“ fortsetzen, sodass beide Seiten der Straße sinnvoll genutzt würden. Das Zentrum von Rissen würde erheblich größer, das Angebot vielfältiger. Die Grundversorgung und die Bedienung der Grundbedürfnisse sind fußläufig, mit dem eRad/Rad oder dem Stadtteilbus erreichbar und abdeckbar. Die Notwendigkeit mit dem Auto zu fahren wird geringer, ein Ziel der Verkehrswende wird erreicht.

Karte: Google

Um noch mehr Platz für eine zentrumsnahe Entwicklung zu erreichen, ist eine Überdeckelung des dann sehr viel kleineren „Restcanyons“ mit einer entsprechend niedrigeren Bebauung denkbar. Auch böte dieser kleinere Deckel Platz für einen kleinen Spielpark mit Bolzplatz, Bouleplätze etc. zur Begegnung.

Es wäre angesichts der aktuellen Diskussion auch denkbar, den skizzierten Gebäudekomplex östlich, jenseits der Gudrunstraße, zu verschieben und auf das freiwerdende Grundstück Sporthallen und – aufgesetzt – ein Oberstufengebäude zu bauen. Statt Versiegelung von Flächen im Landschaftsschutzgebiet würden überflüssige Straßenspuren für einen Schulbau genutzt. Die Lage ist optimal: direkt am S-Bahnhof, direkt am Fahrradweg aus Sülldorf, ortsnah zur Stammschule und Bestandteil einer neuen Rissener Mitte. Nichts würde zu einer Umwelt- und Klimaschule besser passen, als auf einer ehemaligen verkehrspolitischen Fehlplanung zu stehen. Dazu wären der Wille und schnelles Agieren mehrerer Behörden notwendig, zeitnah und unbürokratisch den notwendigen verkehrspolitischen Wandel voranzutreiben.

Wie ist Ihre Meinung?

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Kommentare

5 Antworten zu “Canyon – B 431”

  1. Kamlah sagt:

    Können sich diese Rissener Hobbyplaner einfach mal demokratisch mit ihren Ideen zur Wahl stellen und nicht im Hinterstübchen ungewählt agieren?

    Das ist alles zutiefst undemokratisch.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr Christine Kamlah

    • Wilfried Auel sagt:

      Wenn man auf Vorschläge und Diskussionsbeiträge keine sachlichen Argumente entgegensetzen kann, wird man polemisch und trifft sich eigentlich nur selbst. Schade.
      Die Idee verkehrte Verkehrspolitik des letzten Jahrhunderts zu korrigieren, ist inzwischen fast schon Konsens. Wie diese Verkehrswende aussehen soll und welche Folgen dies für Rissen hat, soll möglichst breit diskutiert werden, wer will, kann sicherlich dazu beitragen. Dabei dürfen die Probleme (u.a. Platzmangel in Rissen, Klimaproblematik, Lärm) nicht isoliert gesehen werden sondern sollten ganzheitlich betrachtet werden.

  2. Ossenbrüggen sagt:

    Ich finde es sehr schade, dass unser rot-/grüner Senat es bis heute nicht geschafft hat, den Canyon in eine 50er Zone umzuwandeln. Überall im Hamburger Stadtgebiet werden Radwege gebaut und 30er Zonen eingerichtet. Da fragt man sich, warum gerade auf dieser kurzen Strecke 80 kmh erlaubt sind, obwohl links und rechts vom Canyon sehr viele Menschen leben. Die Versuchsstrecke Rugenbarg mit 60 kmh wurde auch wieder auf 50 kmh reduziert.
    Ab der Ampel Gudewer (stadtauswärts) wird angefangen zu rasen, um in der 80er Zone mindestens 130 fahren zu können. Die Rotlichtfahrer nicht mit eingerechnet. Die Blitzer, die ab und zu dort stehen, nützen überhaupt nichts. Frau Demirel von den Grünen, die für Rissen gewählt wurde und dementsprechend zuständig ist, könnte sich für dieses Thema erwärmen. Es wäre ein kleiner Schritt, bevor man über einen Deckel bzw. doppelte Schienenführung für die S-Bahn nachdenkt.

    • Claus W. Scheide sagt:

      Sie haben völlig recht, leider halten sich viele nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung im Canyon, bei der sich ohnehin die Frage stellt, ob 80 km/h angemessen ist. Der Canyon ist in seiner Dimensionierung ein Relikt aus vergangener Verkehrsplanung, die davon geleitet war, in erster Linie den motorisierten Individualverkehr (MIV) zu fördern.

      Das wird heute zu Recht anders gesehen.

      Daher fordern wir ja auch, den ÖPNV massiv auszubauen, um Alternativen aufzuzeigen. Dabei sollte man aber natürlich nicht aus dem Auge verlieren, nahelignde Maßnahmen der Überwachung und Regulation des MIV umzusetzen.

      Insofern teile ich Ihre Auffassung, eine Umwidmung in eine 50 km/h Zone zu bewerkstelligen. Zuallermindest sollte kurzfristig viel häufiger Geschwindigkeitsüberwachung stattfinden, z.B. auch durch eine sog. Section Control, bei der die Geschwindigkeitsüberwachung nicht nur punktuell stattfindet, sondern über eine definierte Strecke.

      Diese Art der Verkehrsüberwachung wird inzwischen von der Rechtsprechung durchaus für zulässig gehlten.

  3. Meyer sagt:

    Wir wohnen direkt am Canyon und können es beurteilen: Der Krach aus dem Canyon ist extrem und eine Dauerbelastung! Wer hier nicht wohnt kann sich das nicht vorstellen und sollte sich mit seiner Beurteilung dazu vielleicht zurückhalten. Viel zu viele schnell rasende PKW, hochbeschleunigende Motorräder, alte heulende LKW – all dies wird hier seit Jahrzehnten billigend von Politik und Verwaltung geduldet und bleibt zu Lasten der Anwohner unangetastet. Dabei müsste es gar nicht dabei bleiben: Es würde weder der lokalen oder globalen Wirtschaft noch den vielen Berufspendlern schaden, wenn im ersten Schritt das Tempo reduziert und die Einhaltung dauerhaft kontrolliert und überwacht würde. Weder Rissen noch Hamburg noch Deutschland brauchen einen Raserabschnitt inmitten hochverdichteten Stadtgebiets! Eine (Teil-)Überdeckelung und Erweiterung des Rissener Ortskern bietet enormes Potential für die Weiterentwicklung Rissens. Es ist richtig und gut, alte gewohnte Denkmuster und Strukturen zu hinterfragen und den Blick in die Zukunft zu richten – in Richtung eines lebenswerten, an den Bedürfnissen der Bewohner ausgerichteten Stadtteils mit mehr städtebaulicher und architektonischer Qualität, mehr attraktiven Gemeinschaftsflächen, mehr Grün und weniger Beton- und Verkehrsflächen, die den Menschen ins Abseits rücken, statt ihn in den Mittelpunkt zu stellen! Und ja, genau dafür solche Planungen und Strukturwandel sind lokal verwurzelte Hobbyplaner oftmals viel geeigeneter als ferne, übergeordnete Verwaltungsstrukturen, die die Situation nur vom Reißbrett kennen und nie vor Ort gelebt haben. Hoffnungsvolle Grüße!! C. Meyer

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